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Jim Andrews' kinetisch-konkrete audio-visuelle Poesie
Roberto Simanowski

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Von gleicher Ironie wie Seattle Drift und Enigman, aber schon stärkerer visueller Ausrichtung ist Arteroids, ein literary computer game for the Web. Hier kann man Wörter abschießen. Mit den Tasten S, A, K und L läßt sich das rote Wort Poetry auf dem Bildschirm bewegen, mit der Leertaste lassen sich Schüsse auf die gemächlich über den Bildschirm laufenen grünen Wörter abgegen. Trifft man, zerpringen diese in ihre Buchstabenteile und plazieren sich auf dem Bildschirm .


hier läuft das Geschoß ins and

Je mehr Wörter man also abschießt, um so mehr Buchstaben scharrt man um sich. Aber Achtung, auch hier gibt es Angreifer. Das sind die Wörter in Blau, die direkt und mit weit größerer Geschwindigkeit als die Grünen aufs eigene Wort Poetry zukommen. Sie haben zwar den gleichen Namen, suchen aber, als Kamikaze-Wörter, den Zusammestoß. Gelingt es nicht, sie zuvor abzuschießen, woraus dann semantintisch unklare Sonderzeichen entstehen (Ausweichen hilft nicht, denn dieses Wörter folgen, wie moderne Waffen, ihrem Ziel), zerstören sie das rote Poetry. Natürlich ist dieses nach seiner farbenprächtigen, recht schön anzusehenden Explosion gleich wieder da zum Weiterspielen. Aber es gibt Punktverlust.


poetry (blau) zerstört poetry (rot)

Wer die default-Einstellungen nicht mag, kann die Wörter, die auf dem Bildschirm in Aktion treten, übrigens auch selbst festlegen. Zum Angebot für Grün und Blau stehen u.a.: What’s inside; I am the other; I am of two minds; coretext; write me .., für das rote Wort indess gibt es eine Zeile für die eigene Eingabe. Unter der Zeile steht: Identity; wer sich wagt, tippt also den eigenen Namen.

Der Sinn dieses ‘poetischen Kampfspiels’? Zum einen die Ironisierung aller anderen Kampfspiele. Normalerweise kann man Menschen abschießen oder Moorhühner: Aber Wörter?! Arteroids macht Wörter zu Gegnern bzw. Opfern, die als Zielobjekte in Frage kommen.

Zum anderen erscheinen je geschickter man ist um so mehr Wörter, bis sich daraus ganze Sätze bilden lassen: The battle of Poetry against itself, Poetry destroyed and created Poetry... Der Versuch, diese z.T. auf dem Kopf stehenden Wörter zu entziffern, absorbiert allerdings die Aufmerksamkeit, die man eigentlich zur Abwehr der Angreifer benötigt: Lektüre ist lebensgefährlich, wie auf jedem Schlachtfeld. Der Zugang zum Text erfolgt über eine Fertigkeit, die gewöhnlich mit dem Gegenteil von Poesie besetzt ist: Die Geschicklichkeit, dem Feind auszuweichen und ihn zu treffen. Die Rhetorik der Kampfspiele am Bildschirm wird vereinnahmt, dekonstruiert, semantisch neu besetzt. Und was macht Poesie anderes, als die Klischees und Erwatungshaltungen des primären Sprachsystems in einem sekundären Durch-Gang zu verfremden!

Man kann den Kampf aber auch ganz wörtlich nehmen und die Dekonstruktion ganz bildlich. Es gibt die Worte, die von der Poesie demontiert und in neue, eher visuell sinnliche als kognitiv semantische Zusammenhänge zerlegt werden. Was als festgefügtes Wort daherkommt, verliert seine übliche Gestalt, sobald das Geschoß der Poesie es trifft. Rilke hat dieses Grundgefühl des Dichters in seinen frühen Gedichten einmal in Verse gebracht:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus;
Und dieses heißt Hund und jendes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Nach dem Schuß der Poesie sind diese ach so deutlichen Wörter nicht mehr, was sie waren. Die Poesie hat sich durchgesetzt. Dem neuen Blick auf die Dinge geht die Zerstörung des alten voraus. Andrews erweitert die konkrete Poesie um die Syntax Zeit und Interaktion. So wie Gomringer in seinem Gedicht Wind allein aus der Anordnung des einen Wortes “Wind” vermittelt, was Wind ist, und so wie Jandl die Niagarafälle allein durch einen vertikalen Freiraum zwischen den Buchstaben niagaaaaaaaaaaaaaaaa und ra felle vor Augen führt, so artikuliert Andrews sein Anliegen auf der Oberfläche der Materialität der Zeichen.

Diese Materialität ist freilich tückisch, denn sie umfasst weit mehr als nur ihre graphische Existenz. Die traditionelle konkrete Poesie kann zwar auch mit Farbe arbeiten, aber sie kann z.B. nicht die Information vermitteln, dass das Wort “Poesie” nach seiner farbenprächtigen Explosion (in rot-gelbe Buchstaben) wieder in ein einfaches Rot zurückfällt. Dieses Zurückfallen folgt freilich der Logik solcher Kampfspiele, die besondere Farbenpracht der Explosion jedoch nicht – und sie ist ein wahres visuelles Ereignis. Da das Schönste die Explosion des eigenen Wortes ist, möchte man am liebsten die ganze Zeit sich selbst treffen lassen.

Ist dies auch ein Zeichen? Oder ist dies Farbenpracht nur eine willkürliche Design-Entscheidung? Hier steht man vor der ganz alten hermeneutischen Frage: Was wollte uns der Dichter/Programmierer damit sagen? Nun, vielleicht, dass man gar nicht immer sich wehren soll. Dass man gar nicht immer den Zugriff auf die Außenwelt suchen soll. Die oben beschriebene Dekonstruktion basiert ja auch auf einer klar bestimmten Handlung und setzt im Grunde nur der einen Ordnungsmacht eine andere entgegen. Vielleicht liegt die wahre Liebe des Poeten darin, sich aller besitzergreifenden Energie zu enthalten und sich ganz der Welt auszusetzen. Rilkes zitierte Klage über die Wortgewaltigen endet nicht zufällig mit Versen der Enthaltung:

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ich bringt mir alle die Dinge um.

Noch deutlich hat Rilke das Objekt-Sein, die Vermählung mit den Dingen in späteren Versen ausgesprochen:

Und ich gehe und ich weiß nicht weiter
ich vergaß, was ich zu sagen kam,
alles will, ich soll ein Streiter
werden, und ich bin ein Bräutigam.

Der Gewinn liegt nicht im Sieg, sondern im Unterliegen.

Sicher ist das freilich nicht. Nicht sicherer jedenfalls als die Gedanken, auf die man beim Anblick abstrakter Bilder kommt. Hier wie da ist es letztlich eine Frage der kognitiven Energie, die das Werk über seine gelegentliche visuelle Qualität – sei dies ein schwarzes Quadrat oder ein zerspringendes Wort – beim Betrachter freisetzt. Mit dem entsprechenden Hintergrund mag man also Rilke und Dekonstruktivismus assoziieren. Andere – deren Hintergrund eher die Kirmis-Schießbude ist – werden einfach ein bisschen mit der Poesie auf die blauen und grünen Worte schießen und sich wünschen, diese wie jene wären doch Personen oder wenigstens Moorhühner.


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