www.dichtung-digital.de/2001/Alef-14-Feb


www.cafe-nirvana.com

Olivia Adlers Netz-Projekt Cafe Nirvana

von Nicole Alef

Abstract - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 

Olivia Adlers „Cafe-Nirwana“ besteht aus einem komplexen Webseitennetz.[1] Es enthält verschiedene Typen digitaler und digitalisierter Literatur. Die vielschichtige Zusammensetzung dieser heterogenen Literaturangebote koppelt Merkmale digitaler Literaturgattungen, hauptsächlich Eigenschaften kollaborativer Schreibprojekte und multimedialer Literatur mit den traditionellen Genres Science Fiction-Roman, Poesie und Kurzgeschichte. Dies hat zur Folge, dass die Rezeption nicht auf ein genreabhängiges Konzept bezogen werden kann, sondern die Wirkung von Verschachtelungen und Wechselwirkungen der Literaturangebote auf den Leser/User in den Mittelpunkt der Diskussion rücken müssen. Da es mehrere Möglichkeiten der Zusammenstellung der einzelnen Angebote gibt, diese aber nicht alle durch ihre Komplexität beschrieben werden können, wird an dieser Stelle ein repräsentativer Leseweg durch das Webseitennetz konstruiert, welcher den Zugang zu unterschiedlichen Literaturbeispielen offen hält. Zudem wird bei der Beschreibung des Leseweges nicht auf interpretierende Elemente verzichtet, da die Entscheidung für einen bestimmten „Pfad“ durch das Webseitennetz wahrnehmungsabhängige Implikationen beinhaltet.

Bevor der Leser/User sich mit den Verflechtungen verschieden angelegter Literaturphänomene auseinandersetzen kann, müssen einige Vorentscheidungen, die per Aktivierung von Links vonstatten gehen, getroffen werden. So muss entschieden werden, ob die deutsche oder die englischsprachige Version bevorzugt wird. Danach werden dem „Neuling“ (erster Besuch des Cafe-Nirwana) und dem „Stammgast“ (regelmäßiger Besucher) unterschiedliche Wege zum Betreten des „Cafe-Nirwana“ angeboten. „Outet“ der Leser/User sich als Neuling und aktiviert diesen Link, präsentiert sich vor ihm ein Bild mit erläuterndem Text.

Bevor der Leser/User sich mit den Verflechtungen verschieden angelegter Literaturphänomene auseinandersetzen kann, müssen einige Vorentscheidungen, die per Aktivierung von Links vonstatten gehen, getroffen werden. So muss entschieden werden, ob die deutsche oder die englischsprachige Version bevorzugt wird. Danach werden dem „Neuling“ (erster Besuch des Cafe-Nirwana) und dem „Stammgast“ (regelmäßiger Besucher) unterschiedliche Wege zum Betreten des „Cafe-Nirwana“ angeboten. „Outet“ der Leser/User sich als Neuling und aktiviert diesen Link, präsentiert sich vor ihm ein Bild mit erläuterndem Text.

entranc2.jpg (12155 Byte)
Bild 1: „Willkommen in Cyberia“

Das Bild dokumentiert die Möglichkeit eines Eintrittes in eine ungewisse Welt (die auf dem Bild zu sehende Tür ist noch geschlossen). Der darauf folgende Text benennt diese als „Cyberia“, konkretisiert also das Ziel. „Cyberia“ als Eigenname erinnert an „Cyberspace“ als Synonym für die durch die elektronische Datenverarbeitung und -vermittlung entstehenden virtuellen Räume, die zwischen Präsenz und Abwesenheit der sie mehr oder weniger kontrollierenden „realen“ User anzusiedeln sind.

Der Text ist mit Signalwörtern versehen, die vom Leser/User aktiviert werden können, um den Eintritt in „Cyberia“ zu vollziehen.

Aktiviert der Leser/User das Signalwort „Foyer“ wird er durch eine Linkverbindung zu einer weiteren Graphikdatei geführt, die sich dem Leser/User als Bild eines klassizistisch gestalteten Raumes, in dem eine Standtafel steht, auf der Bildschirmoberfläche präsentiert.[2]

 
Bild 2: Das Foyer

Erst, wenn der Leser/User diesen Raum „betreten“ hat und die in diesem Raum befindliche Standtafel „anklickt“, hat er Zugang zu einem Inhaltsverzeichnis. Die Standtafel wird dem Leser/User wie im Film durch einen Zoom vergrößert dargestellt, so dass die Informationen überhaupt lesbar werden.

 
Bild 3: Standtafel Cafe-Nirwana

Das Foyer ist nicht nur optisch als Entree konzipiert, sondern auch formal. Ausdruck dafür ist eine Stehtafel. Diese Stehtafel enthält eine Auflistung der einzelnen Räume des Cafe–Nirwana und kann so als Einladung zum Besuch der anderen Räume und als Inhaltsverzeichnis genutzt werden. In diesem Zusammenhang kann getrost von „Räumen“ die Rede sein, da alle Verzeichnisse zu graphisch gestalteten Räumen führen.

Wird das Kaffeehaus „Cafe – Nirwana“ besucht, kann der Leser/User von dort zum Chat übergehen. Damit wird ein Kommunikationsangebot gemacht, dass bei Annahme für Geselligkeit sorgen kann.[3]


Bild 4: Der Raum zum Chat

Welche Bedeutung der Chat für das gesamte Webseitennetz hat, wird später noch erläutert.

In der Bibliothek steht eine Auswahl der unterschiedlichen Lektüremöglichkeiten zur Verfügung. Die Bibliothek umfasst die Kategorien Lyrik, Cartoons, Science–Fiction, Märchen / Fantasy, Kurzgeschichten, Essays, Humor / Groteske und Rezepte. In der Kunstgalerie ist eine kleine Ausstellung von Bildern zu sehen (Mona Lisa, Baum-Allee, Raumschiff Enterprise u. v. m.). Im Konzertsaal kann bei Musik entspannt werden (z. B. Ragtimes mit John Roache u. v. m.). In der Kapelle können Gebete schriftlich niedergelegt werden. Dieses Angebot wird ausgiebig genutzt. Vor allem Fans von Kurt Cobain und seiner Band „Nirvana“ veröffentlichen Gebete oder Bitten in der Kapelle. „Nirwana“ lässt zwar die Assoziation: „Kurt Cobain und seine Band Nirwana“ zu, aber dies ist nach Aussage der Autorin/Produzentin ein unbeabsichtigter Nebeneffekt der Namensgebung. Das Büro zeigt einen virtuellen Arbeitsplatz, der dem Leser-/ User durch „Anklicken“ des virtuellen Bildschirms Zugang zum „begehbaren Roman“ verschafft. Doch dazu noch später.

Der Website „Cafe-Nirwana“ kann als virtuelles Ausflugsziel oder Urlaubsort benutzt werden, denn es bietet dem „realen“ Besucher „virtuelle Gästezimmer“ an, die er für eine Zeit „mieten“ kann. Doch anders als in der realen Welt, kann das Gästezimmer im „Cafe-Nirwana“ selbst gestaltet werden. Die Einrichtung mit verschiedenen Gegenständen (Bilder) nutzen einige Bewohner, um durch die Bilder referenzierte Links zu platzieren. Fährt ein Leser/User mit der Maus über einen der Gegenstände, werden Linkverbindungen angezeigt (sogenannter Rollover Effekt). Wählt der Leser/User diese, wird er zu unterschiedlichen literarischen Texten, Bild- und Musikinstallationen oder zu weiteren Webservern mit umfassenden Webseiten geführt.

Im Postamt stehen mannigfaltige Möglichkeiten zur Verfügung, eigene Postkarten zu gestalten oder Briefe zu verschicken. Der Kompass auf jeder Side bietet eine Orientierungshilfe für das gesamte Webseitennetz an. Er leitet zu einer Übersichtskarte, anhand der der Leser/User seinen eigenen Standpunkt bestimmen, aber auch zu neuen Lesewegen durchs Netz aufbrechen kann.

 
Bild 5: Der Kompass

In der vorangehenden Darstellung wurde ein typischer Leseweg und damit Implementierungen von Text, Bild und Ton zu einer virtuellen Komposition in dem Webseitennetz beschrieben. Dieser Leseweg soll exemplarisch für eine Fülle weiterer Lesewege stehen.

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[1] „Nirwana, aus dem Sanskrit = erlöschen, verwehen. Das Nirwana im Buddhismus die völlige seelige Ruhe als erhoffter Endzustand.“, aus Duden. Fremdwörterbuch, Bibliographisches Institut Mannheim, Wien / Zürich, 3. völlig neu bearb. u. erweiterte Aufl., 1974.

[2] Anm. des Autors: Diese Formulierung ist so gewählt, um die Wechselwirkungen von technischen Handwerk (Tech-Ebene), an dieser Stelle vergleichbar mit den Stilmitteln des literarischen Textes, w. z. B „Verfremdung“, „Metapher“, Metonymie“, „Denotation“ und „Konnotation“ zu verdeutlichen. Die im oberen Text benutzte Graphikdatei, kann als „Verfremdung“ interpretiert werden. Zunächst plakativ, aufgrund der Verwendung sprachlicher Zeichen, deren Signifikat nicht, wie auf den ersten Blick anzunehmen ist, auf einen „Sinn“ oder „Inhalt“ verweist, sondern lediglich auf weitere Signifikanten, nämlich auf die Interpretation der Zeichen durch das Graphikprogramm. „Verfremdung von Sprachzeichen jeder Art bezeichnen wir als literarische Verfremdung“, Link, Jürgen: „Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Eine programmierte Einführung auf strukturalistischer Basis“, München, 1985, S.100). Zudem kann eine Verfremdung, auf der Basis des Erwartungshorizontes des Lesers / Users durch die Aktivierung des Links (Anklicken des Signalwortes) im vorausgegangenen Text als Materialbasis, konstatiert werden. Die Erwartungshaltung des Lesers/Users auf eine Erläuterung wird zwar auf der Desk – Ebene durch das Bild auf der Bildschirmoberfläche bestätigt und doch durch die Manifestation eines bestimmten Bildes auch enttäuscht. Sprachzeichen werden durch die technische Führung eines Links zur Manifestation eines bestimmten Bildes, und so ihrem eigentümlichen Charakter entführt (Link, S.100).

Inwieweit literarische Verfremdungen für die Interpretation von digitaler Literatur fruchtbar gemacht werden können, kann hier nicht weiter verfolgt werden. Durch die Anmerkungen kann auf mögliche Forschungsrichtungen verwiesen werden.

[3] „Geselligkeit“ wird in diesem Zusammenhang bewusst gewählt, um nachfolgende Erklärungen zum „virtuellen, literarischen Salon“ schon an dieser Stelle anzudeuten. (Anm. des Autors)